Auslandspraktikum in Bergen – ein Erfahrungsbericht

Es ist beinahe Halbzeit – fast die Hälfte meines Praktikums in Norwegen ist um. Ich muss gestehen: am Anfang habe ich nicht gedacht, dass die Zeit tatsächlich so schnell vergehen würde. Zwei Monate sind nicht lang, aber nach meinem kleinen nervlichen Aussetzer am Tag der Anreise wünschte ich mir, ich könnte einfach wieder direkt umkehren. 😉

Gut, dass ich das nicht getan habe. Mittlerweile bin ich seit dreieinhalb Wochen in Norwegen und fühle mich sehr wohl. Die Landschaft ist der Hammer, die Stille und Ruhe super entspannend, die Menschen alle sehr freundlich und die Arbeit macht Spaß.

Heute möchte ich gerne die Zeit nutzen, um hier von meinen Erfahrungen mit einem Auslandspraktikum – im speziellen: Mit einem Pflichtpraktikum in Norwegen – zu schreiben. Vielleicht überlegst ja auch Du eines Tages ein Auslandspraktikum zu machen und vielleicht helfen dir meine Erfahrungen dabei, das Für- und das Wieder gegeneinander aufzuwiegen.

Mein Praktikum

Bei meinem Praktikum handelt es sich um ein Pflichtpraktikum: für mein Nebenfach „Deutsch als Fremd- und Zweitsprache“ (kurz: DaF) muss ich ein Praktikum im Umfang von mindestens 150 Stunden im Bereich DaF machen. Das heißt, ich kann zum Beispiel an Sprachschulen in Deutschkursen hospitieren und eigene Unterrichtssequenzen übernehmen. Dabei ist es einem freigestellt, wo genau das Praktikum stattfindet – Hauptsache, es passt thematisch.

Ich kam während meiner Überlegungen auf die Idee, die Chance zu nutzen und mein Praktikum im Ausland zu machen. Wann hat man danach schon mal die Möglichkeit, für längere Zeit so „einfach“ ins Ausland zu kommen? Nachdem zuhause alles abgeklärt war (insbesondere die Hunde spielten dabei eine große Rolle; aber auch meine Nichte kann ich natürlich in der Zeit nicht wie geplant morgens in die Kita bringen) fing ich an, die Universitäten in Norwegen anzuschreiben. Denn meine Idee war, das Praktikum an einer Universität zu machen, die Deutsch unterrichtet.

Tatsächlich ist bis heute die Uni Bergen die einzige, die mir geantwortet hat und auch direkt zusagte. Der Zeitraum wurde bestimmt und so stand fest, dass ich von Januar bis März Deutschlehrer an der Uni Bergen begleiten darf.

So weit, so gut. Doch jetzt fing die eigentliche Planung erst an.

ERASMUS

Vielleicht kennst du ja auch das Stipendienprogramm ERASMUS? Das ist ein europäisches Programm, das unter anderem Studenten nutzen können, um zum Beispiel ein oder mehrere Semester im Ausland zu studieren oder ein Praktikum zu machen. Sofern die wenigen Bedingungen erfüllt sind, bekommt man i.d.R. mit 100%iger Wahrscheinlichkeit das Stipendiat.

Die Bedingungen für ein Auslandspraktikum sind folgende:

  • Das Praktikum muss mindestens zwei Monate lang sein. (das heißt 60 Tage und nicht einen weniger!!!)
  • Man muss die Arbeitssprache beherrschen. (in meinem Fall: Deutsch)
  • Das Praktikum muss thematisch in das Studium passen.

Nach einigem Papierkram ging es bei mir ganz schnell. Nach der Anmeldung erhielt ich nur wenige Tage später per Post die Bestätigung, dass ich eine Finanzierung erhalte. Nun musste ich einen Sprachtest absolvieren – der ist Pflicht, einmal vor Anreise und einmal, wenn man wieder zuhause ist und dient, denke ich, zur Evaluierung der Sprachkenntnisse. Für sich selbst und für die Geldgeber.

In meinem Fall war das alles irgendwie etwas … unnötig. Denn: es gibt keinen norwegischen Sprachtest. Und so sollte ich eben einen englischen Sprachtest machen, den ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland wiederholen muss. Der Sinn und Zweck davon sei jetzt mal so da hin gestellt. 😉

Nachdem ich den Test absolviert hatte wurde mir sehr zügig das Geld überwiesen … Zumindest 3/4 des Geldes … und damit sind wir beim ersten Problem:

Ich bekomme 3/4 des Stipendiats vor Anreise. Den Rest erhalte ich, wenn ich zuhause bin, mein Praktikumszeugnis einreiche und erneut den Sprachtest absolviert habe. Mal im Ernst: Wenn ich zuhause bin, brauche ich das Geld auch nicht mehr …

Das nächste Problem war die Summe, die ich letztlich tatsächlich bekommen habe. Aus Gründen, die ich absolut nicht nachvollziehen kann, werden ERSAMUS-Studenten, die ein Auslandssemester machen, intensiver betreut und gefördert. Sie müssen sich zwar auch um vieles kümmern, bekommen aber z.B. Adressen an die Hand, an die sie sich wegen einer Wohnmöglichkeit wenden können. Praktikanten hingegen müssen alles alleine regeln und haben auch nicht unbedingt Anspruch auf eine Studentenwohnung.

Mein Praktikum ist nicht bezahlt (typisch für Pflichtpraktika). Ich habe also – rein theoretisch – abgesehen vom Stipendiat keinerlei Einnahmequellen. Ich habe circa 750 € vor Anreise erhalten. Hört sich nett an, aber: für zwei Monate in einem der teuersten Länder Europas? Diese 750€ decken gerade einmal meine Miete ab. Essen, öffentliche Verkehrsmittel und andere Kosten sind da noch lange nicht abgedeckt.

Auslandssemesterstudenten erhalten von ERASMUS monatlich Geld und werden (i.d.R.) von der Zeiluniversität an die Hand genommen: sie erhalten richtige Programmpunkte, um das Land und die Kultur kennen zu lernen, und und und. Also mal im Ernst: Hier sollte dringend dran gearbeitet werden. Vielleicht ist es an anderen Universitäten anders, dass auch die Praktikanten umfangreicher betreut werden – aber zumindest an der Uni Bergen ist das leider nicht so. Zu den ERASMUS-Studenten habe ich so erst einmal keinen Kontakt.

Wie auch immer: Ich musste mich also zunächst um eine ausreichende Finanzierung kümmern. Ohne meinen Studentenkredit und meinen Studenten-Job in Deutschland wäre es wohl nicht gegangen.

Meine monatlichen Kosten

Hier einmal eine grobe Auflistung meiner monatlichen Fixkosten in Norwegen:

  • circa 320€ Miete
  • circa 60€ Monatsticket, Studentenpreis, inkl. Fähre
  • circa 300€ für Essen

Hinzu kommen dann natürlich noch Kosten für Käufe außer der Reihe, wie zum Beispiel Kleidung, einen Kaffee oder Snacks in der Stadt, etc. Das sind bei mir in etwa noch einmal 100-150€ gewesen.

Man kann also mit monatlichen Kosten von ungefähr 800€ rechnen – abhängig davon, wie viel man unternimmt, wie teuer man einkauft und kocht, etc. Ich kaufe wohlbemerkt sehr, sehr sparsam ein. Außerdem ist eine so günstige Miete, denke ich, auch mehr als selten und für mich ein wahrer Glückstreffer.

Vor Anreise sollte der finanzielle Aspekt also auf jeden Fall gut durchdacht werden.

Mein Wohnort

Ich habe, wie gesagt, echt Glück mit meiner Wohnung. Über Facebook habe ich in verschiedenen Gruppen nach einer Wohnung in und um Bergen gesucht, die ich mir als armer Student leisten konnte. Wohnungen im Stadtzentrum kosten übrigens gut und gerne über 1000€. Ein Studentenwohnheim hätte etwa 300€ gekostet, die meldeten sich auf meine offizielle Anfrage allerdings erst im Dezember mit einem Angebot… einen Monat vor meiner Anreise! Da hatte ich natürlich schon längst etwas gefunden.

Und zwar in Valestrand, einem 1000-Seelendorf auf Osterøy. Osterøy ist eine Insel nördlich von Bergen. Sie zählt nicht mehr zu Bergen dazu, hat aber, wie ich finde, eine sehr gute Anbindung an das Zentrum. Unter der Woche gibt es eine Direktverbindung: Ein Bus, der von Valestrand bis ins Zentrum fährt (inkl. Fährfahrt). Und auch am Wochenende kommt man mit Umsteigen nach Bergen. Wenn man die Vorteile von Großstädten haben möchte und keine Lust auf lange Anreisezeiten hat, fällt das natürlich raus. Ich bin es aber auch von Zuhause gewohnt, über eine Stunde zur Uni zu brauchen – da schien mir das nicht sonderlich schlimm.

Ich habe mittlerweile festgestellt, dass die An- und Abreise an sich sehr gut funktioniert. Nur am Wochenende komme ich erst nach Mittag hier weg und unter der Woche sollte ich nicht später als 21 Uhr das Zentrum in Bergen verlassen. 😉 Ansonsten habe ich ein Problem … Alles in allem finde ich es aber vollkommen okay und habe dafür „zuhause“ eine unbeschreibliche Ruhe. ♥

Meine Wohnung

Den ersten Monat meines Aufenthaltes wohne ich alleine in einem ganzen Haus. Mein Vermieter ist für einen Monat beruflich verreist; in der Zeit kümmere ich mich hier um Haus und Hausbewohner: die Katzen. Nächste Woche kommt er wieder und ab dann lebe ich in einer WG.

Typisch norwegisch ist das Haus nicht sonderlich herausragend gedämmt. Wie hier üblich, wird mit Stromheizungen und Holzofen geheizt. Alles ist ein bisschen anders, als in Deutschland und doch auf seine Art vollkommen. Mittlerweile gefällt mir das Haus richtig gut. Es ist urgemütlich und bietet rund um die Uhr einzigartige Ausblicke auf den Fjord. Mit der Temperatur komme ich auch klar – man muss zuhause ja nicht in T-Shirt und kurzer Hose rumlaufen können. 😉 (Zwischen 17 und 18 Grad habe ich durchschnittlich im Haus)

Praktikum an der Uni Bergen

Mein Praktikum ist – typisch norwegisch – mega entspannt. Vielleicht schon etwas zu entspannt. Ich habe eigentlich nur eine wirkliche Pflichtaufgabe, nämlich das Führen einer Übungssitzung zu einem Seminar. Einmal die Woche planen eine Masterstudentin und ich die Sitzung und üben mit den Studenten Inhalte aus dem zugehörigen Kurs. Andere Aufgaben muss ich mir selber suchen und so hospitiere ich mehrmals die Woche in Kursen und helfe bei der Planung von Deutschveranstaltungen. Außerdem habe ich den Studenten jetzt angeboten, mir ihre deutschen Texte zur Korrektur zu schicken – mal sehen, wie viele das Angebot annehmen werden. 🙂

Insgesamt habe ich also sehr viel Freizeit. Das kann einerseits sehr schön sein, um Bergen und Umgebung besser zu erkunden, kann unter Umständen aber auch zu Langeweile führen. Ich ging ursprünglich davon aus, dass ich geregelte Arbeitszeiten hätte – dem ist nicht so.

Ein Praktikum an der Uni – oder zumindest am Fremdspracheninstitut – kann also insbesondere für diejenigen verlockend sein, die nicht nur einen Blick in das Arbeitsleben, sondern auch in das alltägliche Leben in Norwegen werfen wollen.

Bergen bietet ausreichend Freizeitaktivitäten, die die Langeweile füllen könnten: es gibt diverse Berge, die zum Wandern einladen; es gibt Kunst- und Kulturmuseen, die ich mir auf jeden Fall noch ansehen werde. Auch Osterøy lädt zu ausgedehnten Spaziergängen und Wanderungen ein. Ich habe erst so Wenig tatsächlich entdeckt und habe noch einiges auf meiner To-Do-Liste stehen, bevor ich in fünf Wochen wieder abreise.

Ich finde bereits jetzt, dass sich das Praktikum für mich definitiv gelohnt hat. Ich habe mich sehr in die Gegend hier verliebt, konnte endlich mal norwegische Luft schnuppern und nebenbei mit freundlichen Menschen arbeiten.

Ich freue mich schon auf die nächsten Wochen!
Ha det fint,
Alina ♥

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